Vamık D. Volkan, M.D., DLFAPA, FACPsa.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Aufgeklärte Beschneidung
 
 
 
Vamık D. Volkan
 
 
 
 
Die Psychoanalyse erreicht in der Türkei nur jene, in deren Alltag
die Religion keine Rolle spielt – die Tradition aber sehr wohl...
 
 
 
Freud and die Baba lawos. 
In Afrika hat es die Psychoanalyse schwer,
Gegen die Macht der Geister und
traditionellen Heiler kommt sie kaum an
VON TOBIE NATHAN
 
 
 
 
Nach dem Krim-Krieg wurde Zypern, meine Heimat, von den Osmanen an die Briten verpachtet, und nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Insel dem Britischen Empire zugeschlagen. Meine Mutter war die Tochter eines Kadis (muslimisch-religiösen Richters) der osmanischen Zeit, ihre Familie verlor während des Übergangs Besitz und Ansehen. Mein Vater, der aus einer türkisch-zypriotischen Bauernfamilie stammte, und meine Mutter waren Grundschullehrer und Anhänger der türkischen Revolution unter Kemal Atatürk.
 
Ich selbst wurde 1932 auf Zypern geboren, als die Insel unter britischer Kolonialverwaltung stand, und ich weiß noch, wie stolz mein Vater war, als meine Mutter eines Tages ohne ihre traditionelle schwarze Kopfbedeckung aus dem Haus ging und damit eine «moderne» Frau geworden war. Obwohl sie aus einer religiösen Familie kam, spielte die Religion bei uns zu Hause keine Rolle. Meine Schwestern und ich wurden nicht in religiösen Dingen unterwiesen, sondern bekamen Geigenstunden und spielten Beethoven. Meine Familie erlebte diese kulturelle Transformation nicht als einzige.
 
Anfang dieses Jahres hielt ich mich als Gastprofessor in Ankara auf. In der ersten Woche wurde ich von einem Kollegen, einem renommierten Medizinprofessor in den Sechzigern, zum Essen eingeladen. Seine Frau, eine kultivierte Dame, die jahrzehntelang keine Kopfbedeckung getragen hatte, erschien mit Kopftuch, war also Muslimin geworden – das genaue Gegenteil dessen, was meine Mutter praktiziert hatte. Fast siebzig Jahre nach Atatürks Tod muss man in der Türkei von einer Art «gestörter Identität» sprechen. In der Gesellschaft konkurrieren zwei Ideale miteinander: Westlich orientierte Liberale und Nationalisten verstecken sich hinter Atatürk, die Islamisten hinter dem Propheten Mohammed. Ich will hier nicht über die Ursachen dieser gesellschaftlichen Veränderungen und deren Folgen sprechen, aber die Frage, auf welche Resonanz die Freudschen Ideen in der Türkei stoßen, sollte vor diesem Hintergrund betrachtet werden.
 
Leiden Türkische Jungen verstärkt unter Kastrationsangst?
Die Psychoanalyse kam Anfang der dreißiger Jahre in die Türkei, als das Land viele europäische Juden aufnahm, die vor den Nationalsozialisten auf der Flucht waren, wie etwa der Arbeitsrechtler Oscar Weigert mit seiner Frau Edith, einer Psychoanalytikerin, die mit Genehmigung der türkischen Regierung praktizieren durfte. Einer ihrer Analysanden begann, die Schriften Freuds ins Türkische zu übersetzen. Seitdem sind viele unterschiedliche Übersetzungen erschienen, und viele türkische Intellektuelle haben über Freud und die Psychoanalyse geschrieben.
 
Meine erste Begegnung mit Freud hatte ich als Teenager, als ich in der Bibliothek meines Vaters auf eine türkische Ausgabe der Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie stieß. Später dann, als ich Anfang der fünfziger Jahre in Ankara Medizin studierte, war es Professor Rasim Adasal, der Direktor der Abteilung für Psychiatrie, der mein Interesse für die Psychoanalyse weckte. Er selbst bezeichnete sich als «türkischer Freud», und in unseren Lehrbüchern wurden wir mit den psychoanalytischen Theorien bekannt gemacht. Nach dem Medizinstudium ging ich in die USA und wurde Psychoanalytiker.
 
Meine enge Beziehung zur Psychoanalyse in der Türkei begann Mitte der siebziger Jahre, als ich ein Jahr als Gastprofessor an meiner alten Universität verbrachte und anschließend begann, 21 Psychiater inoffiziell zu Analytikern auszubilden. Vor zwei Jahren wurden in Istanbul (unter der Ägide der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung) zwei offizielle Lehrinstitute mit internationalem Beirat eröffnet. Diese beiden Schulen haben eine lange Geschichte. Ein Psychoanalytiker ist natürlich nicht völlig frei von Vorurteilen, und so wurde von einigen Leuten tatsächlich die Frage gestellt, ob Psychoanalyse in einem muslimischen Land unterrichtet werden könne. Jemand machte den scherzhaften Vorschlag, alle Bewerber genauestens unter die Lupe zu nehmen, um sicher zu sein, dass man es nicht mit Anhängern von al-Qaida zu tun habe. Ein potenzieller Dozent fragte mich, ob die türkischen Psychiater und Psychologen, denen er begegnen werde, Alkohol trinken würden. Gegenwärtig gibt es in den drei Großstädten Istanbul, Ankara und Izmir türkische Psychoanalytiker, die meist in Frankreich ausgebildet wurden.
 
Fast alle Patienten, die in der Türkei eine Analyse machen, sind westlich orientiert und führen ein modernes Leben. Gleichwohl kommen sie, wie ich, aus einer muslimischen Kultur und werden mit bestimmten Erfahrungen konfrontiert, die ihre westlichen Zeitgenossen nicht machen müssen. Beispielsweise sind alle männlichen muslimischen Analysanden als Kind beschnitten worden. Eine wichtige Rolle in der Freudschen Theorie spielen der Ödipus-Komplex und die Kastrationsangst, die nicht nur Probleme schafft, sondern auch den Ödipus-Komplex überwinden hilft. Wird durch die Beschneidung die Kastrationsangst türkischer Knaben verstärkt, ihre Regressionsneigung unterstützt? Nicht, wenn die Beschneidung gemäß muslimischer Tradition vorgenommen wird. Vielmehr kann der Knabe seine männliche Identität leichter entwickeln. Der Knabe unterwirft sich erst Allah/Vater und wird symbolisch kastriert. Die Beschneidung dient unbewusst als  «Vergeltungfür» inzestuöse Wünsche, da der Knabe aber dieses «Opfer» bringt, darf er ein Mann werden.
 
Ein komplizierteres Problem für türkische Kinder ist das Heranwachsen in der Großfamilie, in der neben der leiblichen Mutter viele andere weibliche Personen – Großmütter, Tanten und andere Verwandte – in die Rolle einer Mutter schlüpfen. In einer solchen Umgebung kann sich das Kind einer zweiten oder dritten älteren Frau zuwenden, wenn es sich von der leiblichen Mutter vernachlässigt fühlt. In der westlichen Fachliteratur wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass in einer erweiterten Familie mit mehreren weiblichen Bezugspersonen die Individuation des Kindes behindert werde und dass es günstiger sei, in einer westlichen Kernfamilie heranzuwachsen. Wenn verschiedene «Mütter» als Personen wahrgenommen werden, die nicht zueinander passen, kann das gewiss zu Problemen führen. Beispielsweise habe ich viele Amerikaner behandelt, die im Süden der Vereinigten Staaten aufwuchsen, mit einer leiblichen weißen Mutter und einer schwarzen Nanny. Diese Menschen hatten gewöhnlich Mühe, die weiße und die schwarze Mutter zu integrieren, und waren später nicht imstande, bestimmte Ereignisse in ihrem Leben zu integrieren. Aber in einer traditionellen Großfamilie können «Mütter» für das Kind durchaus ein Kontinuum darstellen, und das Kind kann seine Persönlichkeit genauso gut entwickeln wie ein Kind in einer westlichen Kleinfamilie. Wir wissen auch, dass das Heranwachsen mit nur einer Mutter nicht zwangsläufig eine psychisch gesunde Entwicklung garantiert. In der Türkei können Konflikte zwischen verschiedenen weiblichen Bezugspersonen gewiss Probleme verursachen, doch die sind analysierbar.
 
Mädchen, die in traditionellen Familien heranwachsen, empfinden Scham und Schuld, wenn sie vor der Ehe ihre Jungfräulichkeit verlieren. Doch in den urbanen Regionen, wo die meisten potenziellen Analysanden leben, verändert sich diese Einstellung allmählich. Unter »modernen«, ja sogar unter eher traditionell orientierten Türken sind Gespräche über Sexualität nicht mehr problematisch. Nach meiner Erfahrung können die meisten Patienten, nach anfänglichem Zögern, recht offen über ihre sexuellen Erlebnisse und Fantasien sprechen. Der Prophet Mohammed war ein Waisenkind. Später heiratete er eine sehr viel ältere Frau, der er bis zu ihrem Tod treu blieb. Anschließend hatte er viele Frauen. Als Psychologe könnte man sagen, dass Mohammed nach dem Verlust der «Mutter» bereit war, seine Sexualität freier zu leben, wenn auch unter Befolgung religiöser Vorschriften. Manchmal frage ich mich, ob auch das traditionelle Fasten im Ramadan so interpretiert werden könnte, dass der Muslim erst auf die mütterliche Liebe (Nahrung) verzichtet, um anschließend seine Sexualität ausleben zu können. Die Religion ist eine Kraft, die die Bedürfnisse und Handlungen des Einzelnen regelt. Es ist der religiöse Fanatiker, der nach immer weiteren Vorschriften und Regeln ruft. Aber welcher Fundamentalist – Muslim oder nicht – würde schon eine Analyse machen.
 
 
Ihr Turban erinnert die Patientin daran, dass sie als Kind eingewickelt wurde:
Eine andere Sitte, die in der Türkei zu speziellen psychologischen Problemen führen kann, ist das Einwickeln von Kleinkindern, das in traditionellen, ländlichen Gebieten praktiziert wird. Vor einigen Jahren hatte ich mit dem Fall einer jungen Istanbulerin zu tun, die den Kopf turbanartig mit einem Tuch bedeckte. Zunächst sprach sie von religiösen Gründen, doch im Laufe der Behandlung konnte sie ihre Kopfbedeckung mit der Erfahrung verknüpfen, dass sie in den ersten beiden Lebensjahren gewickelt worden war. Der Turban erinnerte sie, zunächst unbewusst, an die problematische Körpererfahrung, die sie als Kleinkind gemacht hatte.
 
Kann ein muslimischer Psychoanalytiker einen Nichtmuslim behandeln? Gewiss, genau so, wie ein jüdischer oder christlicher Analytiker einen Muslim behandeln kann. Mein Analytiker war Jude. Ich habe mit einer muslimisch-türkischen Analytikerin zusammengearbeitet, die einen jüdischen und einen katholischen Türken behandelte. Selbstverständlich musste sie sich über die Lage der Minderheiten in der Türkei informieren und sich in die spezifischen Erfahrungen dieser Gruppen einfühlen. Die Angehörigen des jüdischen Patienten hatten den Holocaust in der Türkei überlebt, aber die Ängste und Unsicherheiten aller Juden jener Zeit steckten auch in ihnen. Die Analytikerin konnte ihren Patienten behandeln, nachdem ihr klar geworden war, dass die wesentlichen Symptome des Mannes mit seinen inneren Holocaust-Bildern zu tun hatten.
 
Gibt es besondere Bereiche der Freudschen Theorie und Technik, die von muslimischen Psychoanalytikern ausgebaut oder modifiziert werden können? Freud hat seine «Verführungstheorie» bald widerrufen und sich stärker auf die internen Wünsche des Kindes und die Abwehrmechanismen konzentriert. Die äußeren traumatischen Ereignisse, die die Entwicklung des Einzelnen beeinflussen, erschienen ihm weniger bedeutsam. Die meisten psychoanalytischen Theoretiker nach Freud waren Juden, die in Theorie und Praxis die unvorstellbar schmerzhaften Holocaust-Erfahrungen ausklammern mussten. Die klassische Psychoanalyse hatte sich ausschließlich, oder jedenfalls vorrangig, um die interne Welt zu kümmern. So berichtete Melanie Klein, die ihre eigene Schule begründete, über die Analyse eines jungen Patienten im England des Zweiten Weltkriegs, ohne die deutschen Luftangriffe und andere externe Ereignisse zu erwähnen. Als «muslimischer» Analytiker« hielt ich es für sinnvoll, aktuelle externe Ereignisse – sogar die überkommenen mentalen Bilder von historischen Ereignissen, die unsere Vorfahren vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten prägten – in die psychoanalytische Arbeit einzuflechten und zugleich die besondere Rolle der internen Welt des Patienten zu untersuchen.
 
Kurzum, in der Türkei ist die Freudsche Psychoanalyse nicht mit ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden. Allerdings gehören Analytiker und Patienten einem Teil der Bevölkerung an, der ein modernes Leben führt und in dessen Alltag die Religion keine besonders große Rolle spielt.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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